Überaus erfolgreicher Fachtag zu Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

Auf dem überaus erfolgreichen Fachtag zu Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen forderten alle Beteiligten: Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten muss frühzeitig beginnen. Rechtliche Benachteiligung muss beseitigt werden.

Der Saal im LSB
Gut 200 BesucherInnen auf dem IvAF-Fachtag am 027. Februar 2019 in Hannover

Rund 200 Teilnehmer_innen, von Hauptamtlichen Berater_innen über Fachleute aus Verwaltung, Ministerien, Wirtschaft und Politik bis hin zu Ehrenamtlichen nahmen an der Fachtagung „10 Jahre ESF geförderte Programme – Erfahrungen aus der Integration von Asylbewerber_innen und Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung“ teil, die am Donnerstag, den 07. Februar 2019 in Hannover stattfand. Mit acht Referaten wurde allen TeilnehmerInnen ein anschauliches Bild vom Feld verschafft und die Tiefe der Problemstellungen vermittelt. An neun Thementischen dann wurden dann Einzelaspekte vertieft, besondere Fragestellungen bearbeitet und Problemstellungen, Herausforderungen und Forderungen an Politik und Verwaltung formuliert.

Eingeladen hatten Projektverbünde aus Niedersachsen (hier auf der homepage vom Flüchtlingsrat Niedersachsen versammelt) und Bremen (bin), die Geflüchtete bei der Integration in Ausbildung und Arbeit unterstützen und mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Bundesministerium für Arbeit und Soziales über die „Integrationsrichtlinie Bund“ im sog. Handlungsschwerpunkt IvAF (Integration von Asylbewerber/-innen) gefördert werden. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen ist Partner in allen vier in Niedersachsen tätigen Projektverbünden und koordiniert den Projektverbund „AZF3 – Arbeitsmarktzugang für Flüchtlinge“.

Tischrunde 9 zur Situation von geflüchteten Frauen au dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt

Integration in den Arbeitsmarkt muss, da waren sich alle Beteiligte einig, möglichst frühzeitige ansetzen und über eine Förderkette eine kontinuierliche Unterstützung gewährleisten. Wichtig sind Maßnahmen, die der spezifischen Situation der Geflüchteten Rechnung tragen. Die Arbeitsmarktintegration sollte als ein wechselseitiger Prozess verstanden werden, der die Geflüchteten nicht als defizitär betrachtet und von ihnen ausschließlich Anpassungsleistungen verlangt, sondern vielmehr sowohl ihre Fluchtursachen ernst nimmt, als auch ihre mitgebrachten Fähigkeiten anerkennt und berücksichtigt.

Alle beteiligten IvAF-Netzwerke konnten bestätigen, dass bei den Teilnehmer_innen ihrer Projekte ein großes Interesse und hohe Motivation bestehe, an der Gesellschaft teilzuhaben und damit eben auch am Arbeits- und Erwerbsleben teilzunehmen. Nur so ließe sich auch erklären, dass die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlinge trotz bestehender Hürden wie Sprachbarrieren, z.T. diverser Bildungshintergründe, fehlender sozialer oder familiärer Netzwerke und nicht zuletzt rechtlicher Benachteiligungen gut gelingt (siehe hierzu die kürzlich vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung veröffentlichte Studie sowie das Referat von Prof. Dr. Birgit Behrensen).

Nach Ansicht des Flüchtlingsrates gibt es trotz aller Erfolge nicht zuletzt beim Abbau rechtlicher Benachteiligungen noch viel tun. Eine frühzeitige sozialrechtliche Gleichstellung für eine bessere Arbeitsmarktintegration steht hier auf der Agenda der Projektpartner. Norbert Grehl-Schmitt, Mitglied der IvAF-Steuerungsgruppe, warnt allerdings vor den Folgen aktueller Gesetzesinitiativen: „[Ein] großer Teil der Erstantragsteller* innen und der Menschen mit Duldung [wird zukünftig] zentral untergebracht werden. Für sie wird es keinen Arbeitsmarktzugang und keine Qualifizierung geben. Gleichzeitig sollen Arbeitsverbote ausgeweitet werden“, so Grehl-Schmitt in seinem Input.

Christina von Saß im Gespräch mit Dr. Holger Martens, Fairbleib (Mitte), Kaja Schellenberg, Fairbleib (lks.) und Olaf Strübing, AZF3 (re.)

Tatsächlich konterkarieren aktuelle Entwürfe wie z.B. ein Entwurf zu einem Gesetz über Duldungen bei Beschäftigung und Ausbildung sowie v.a. der Gesetzentwurf für ein sog. ‘Geordnete-Rückkehr-Gesetz’ alle bisherigen Erfolge und Bemühungen bei der Arbeitsmarktintegration. Statt weiterer Ausgrenzung und Druck auf Geflüchtete wäre mehr rechtliche Sicherheit auch für Arbeitgeber_innen sinnvoll, z.B. durch eine Aufenthaltserlaubnis bei Ausbildung statt nur einer Duldung. „Betriebsinhaber können es nicht nachvollziehen, wenn Menschen, die Tag für Tag hart für sie arbeiten und einen wichtigen Beitrag zum Erfolg des Betriebes leisten, auf einmal Deutschland verlassen müssen.“ so Karl-Wilhelm Steinmann, Präsident der Handwerkskammer Hannover. In seiner Rede gab er seiner Hoffnung Ausdruck, dass es gelingen möge, die Vertreter der Politik davon zu überzeugen, dass sich hier etwas ändern muss. Dafür werde er sich auf jeden Fall weiterhin einsetzen.

Alle Akteure hoben hervor, dass es nicht einzig darum gehen dürfe, Geflüchtete nach ihrer Verwertbarkeit und ihrem Nutzen zu bewerten. Eine humanitäre Sichtweise muss Leitmotiv in diesem Feld bilden, wie auch Dr. Thorbjörn Ferber, von der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven, betonte. In seinem vielbeachteten Vortrag erinnerte er mit den Worten von Stefan Zweig aus den Jahren seiner Immigration an die Bürde, die jede und jeder Geflüchtete mit sich trägt: „Ich habe […] heute unablässig das Gefühl, als müsste ich jetzt für jeden Atemzug Luft besonders danken, den ich einem fremden Volk wegtrinke. […] am Tage, da ich meinen Pass verlor, entdeckte ich mit achtundfünfzig Jahren, dass man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde.”

Die Beiträge auf der Tagung im Einzelnen:

Norbert Grehl-SchmittNach einer kurzen Begrüßung durch Sigmar Walbrecht vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat begann Norbert Grehl-Schmitt von der IvAF-Steuerungsgruppe mit „Vom Bleiberecht zu IvAF – Hürden, Erfolge und Aufgaben“.

Darin ließ er die Genese und Erfolge der ESF-geförderten Programme zur Integration von Geflüchteten in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt Revue passieren, um in einem Ausblick vor der aufziehenden Gefahr der Segregation insbesondere derer aus sog. sicheren Herkunftsländern und jener im Dublin-Verfahren zu warnen.

Prof. Dr. Birgit BehrensenZur Dialektik der Integration Geflüchteter in Arbeitsmarkt und Gesellschaft: Soziologische Erkundungen der Potentiale und Herausforderungen” von Prof. Dr. Birgit Behrensen (BTU Cottbus-Senftenberg). Frau Prf. Dr. behrensen konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf die Fragen von Sprache und Bildung und stellte z.B. fest, dass sowohl höher Qualifizierte, als auch
Junge u. geringer Qualifizierte sehr an allgemeinbildender u. beruflicher Aus- u. Weiterbildung interessiert sind, ja das eine Mehrheit der Geflüchteten ein großes Interesse an formalen Abschlüssen hat. Ein schönes, aber auch überraschendes Ergebnis angesichts der geringen Verdienstmöglichkeiten und der hohen Hürden in diesem Feld. (hier das PDF-Dokument ihrer Powerpoint)

Dr. Barbara Weiser auf der IvAF-Tagung 07.02.2019

„Erreichtes und Herausforderungen angesichts der Besonderheiten der IvaF-Projekte – ausländerrechtliche Rahmenbedingungen und die Bedeutung der Netzwerke” von Ortrud Krickau (Fairbleib) und Dr. Barbara Weiser (Netwin 3)

Frau Dr. Barbara Weiser betonte in ihrem Vortrag neben den Errungenschaften, die im Arbeits- und Ausbildungssektor für Flüchtlinge erreicht werden konnten, auch die Hürden, an denen immer noch viele Geflüchtete scheitern: mangelnde BaföG-Zahlungen, zu geringe Ausbildungsvergütungen, Arbeitsverbote und Ortrud Krickau auf der IvAF-Tagung 07.02.2019Sanktionen. Ortrud Krickau beschrieb Struktur, Arbeitsauftrag und Arbeitsweisen der IvAF, in deren Mittelpunkt speziell auf die Zielgruppe ausgerichteten Beratung, Maßnahmen und Angebote stehen. Multiplikatoren-Schulungen und Sensibilisierungen erhöhen zudem die Chance für Geflüchtete am Arbeitsmarkt. Die Projekte sind nicht zuletzt deshalb „…Meilensteine in der Integration in Qualifizierung, Ausbildung und Arbeit. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland.“ (Hier die PDF’s von Frau Dr. Weiser und Frau Krickau)

Dr. Thorbjörn FerberSeinen Vortrag „Bremer Blick: Aktivitäten und Netzwerke zur beruflichen Integration von Geflüchteten aus Sicht der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven” begann Dr. Thorbjörn Ferber von der Handelskammer Bremen, Industrie- und Handelskammer Bremen und Bremerhaven mit der Feststellung, dass laut DIHK-Wirtschaftsumfrage über 60 % der deutschen Unternehmen über fehlende Fachkräfte klagen. Deutschlandweit gäbe es 30.000 mehr unbesetzte Ausbildungsstellen als BewerberInnen. Zuwanderung komme also eine zunehmende Bedeutung zu – auch für die Ausbildung. Deshalb müsse es das Ziel allen staatlichen handelns sein, Integration von Geflüchteten in Praktikum, Einstiegsqualifizierung (EQ), Ausbildung und Arbeit zu erleichtern und so einen gesellschaftlichen Beitrag zur beruflichen Integration und damit gesellschaftlicher Teilhabe zu eröffnen.
Nachdem er als dann die Rolle und Praxis der IHK darin dargestellt hatte (hier insbesondere in der Schulung und im Kontakt mit den Betrieben und der Unterstützung von Netzwerken), erinnert Ferber daran, dass Kollektivzuschreibungen wie „Die Flüchtlinge” schnell mit einer Entindividualisierung einhergehen, die vorurteilsbehaftete Diskussionen befeuern. Aber, so Ferber: „Geflüchtete sind eine Chance, brauchen eine Chance und müssen sie nutzen (können)“. Mit dem Appell: „Seht den Menschen in die Augen, nicht nur auf den Lebenslauf“ beschloss er seinen mit viel Beifall bedachten Input.
(Hier das PDF seines Vortrags)

 

Seinem Vortrag „Herr Steinmann auf der IvAF-Tagung 07.02.2019Im Handwerk eine Heimat finden” begann Karl-Wilhelm Steinmann, Präsident der Handwerkskammer Hannover, mit einer schlichten Feststellung: Er sei „überzeugt, dass Handwerksbetriebe gut daran tun, das Potential, das in Migrantinnen und Migranten steckt, für sich zu nutzen. Jedem Unternehmer und jeder Unternehmerin und allen, die Personalverantwortung tragen, muss inzwischen klar sein, dass man nicht mehr aus einer Vielzahl an Bewerbern auswählen kann. Das Handwerk leidet an Fachkräftemangel.” Und so hob er denn auch die Leistungen hervor, die das Handwerk zur Integration Geflüchteter beitragen, ohne dabei die Schwierigkeiten zu negieren. In der Summa unterstrich Steinmann, dass er sich angesichts der Verhältnisse im deutschen Handwerk schon vor Monaten gegen die Abschiebung von Asylbewerbern ausgesprochen habe, die hier in Lohn und Brot stehen. „Betriebsinhaber können es nicht nachvollziehen, wenn Menschen, die Tag für Tag hart für sie arbeiten und einen wichtigen Beitrag zum Erfolg des Betriebes leisten, auf einmal Deutschland verlassen müssen.” (Hier seine Rede auf der Tagung)

Markus Saxinger auf der IvAF-Tagung 07.02.2019Für einen Großteil der TeilnehmerInnen aus der Praxis war Markus Saxingers Input „Übergang Schule / Beruf – Aus der Praxis: Problemlösung durch Netzwerkstrukturen” (BIN, Bremen) eine Quelle der Anregungen. Denn im kleinen Bundesland Bremen konzentrieren sich auf engstem Raum nicht nur bestimmte Problemstellungen (hier: der Bildungsweg jugendlicher Geflüchteter), sondern auch die passenden Antworten aus den Netzwerken. (Hier sein Vortrag als pdf))

 

Uta Paschke-Albeshausen, IvAF-Tagung 07.02.2019Anhand ganz konkreter Fallbeispiele skizzierte Frau Uta Paschke-Albeshausen (TAF, Heidekreis) eines der drängendsten Probleme, die derzeit Geflüchtete und UntestützerInnen umtreibt, die „Umsetzung der 3 + 2 Regelung: Erfahrungen aus der Praxis im Heidekreis“. Dabei wurde allen TeilnehmerInnen noch einmal vor Augen geführt, wie erfolgreich die Integrationsarbeit in den Verbünden zwar sein kann (!), aber wie irrsinnig so mancher Prügel auch daherkommt, der Flüchtlingen bei der Integration in Arbeit und Ausbildung zwischen die Beine geworfen wird. (Hier das PDF zu ihrem Vortrag)

 

An neun Thementischen tauschten sich die Akteure anschließend zu unterschiedlichen Themenfeldern aus. Darin:

Tisch 1 Herausforderung Übergang Schule/Beruf mit Martina Wollradt und Jesmmy Gemio (BIN). In der Tischrunde fand ein sehr interessanter und offener Austausch über die vorhandenen Angebote in den unterschiedlichen Regionen und Städten statt.

Tisch 2 Aufenthaltstitel und Arbeitsmarktzugang für geringqualifizierte Flüchtlinge mit Carsten Baumann und Mahmood Abo-Jeap, BIN

Tisch 3 Umsetzung der Bleiberechtsregelung (§25,5//25a/b) mit Olaf Strübing und Eva Yacoubi-Kromer. Seit 1980 leben in Deutschland 638.356 abgelehnte Asylbewerber_innen (Stand: 30.06.2018). 40,5% davon haben einen unbefristeten Aufenthalt. 37% einen befristeten Aufenthalts. Die nicht repräsentativen Erfahrungen der Tischrunde zeigen, dass die Ausländerbehörden hinsichtlich der Erteilung von Bleiberechtsregelungen Ermessensspielräume immer weniger zugunsten humanitärer Gesichtspunkte nutzen. Gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich in der Verwaltungspraxis der Ausländerbehörden wieder. Auf dieser Grundlage kam die Tischgruppe in ein lösungs- und kampagnenorientiertes Gespräch.

Tisch 4 Sprache als Integrationsfaktor Moderation mit Dr. Natalia Hefele und Dr. Holger Martens (FBSH). Als zentrales Thema wurde über die Übergänge zwischen den einzelnen Sprachförderangeboten diskutiert. Problematisiert wurde die oftmals fehlende Koordination der Schnittstellen. Ein Vorschlag zur Bearbeitung dieses Problems könnte in einer durchgehenden Begleitung und Beratung durch eine Ansprechsperson für die Zuwanderer sein, die die Förder- bzw. Integrationskette durchlaufen. Die Anlaufstelle sollte unabhängig von einer amtlichen Zuordnung z.B. in den Regelkreis SGB II oder SGB III agieren können. (Das Protokoll findet Ihr hier:)

Tisch 5 Perspektiven Geflüchteter in Ausbildungsduldung mit Sigmar Walbrecht und Uta Paschke-Albeshausen. (hier ein erstes Protokoll)

Tischrunde 6
Tischrunde 6 zu Ausbildung unter schwierigen Bedingungen – Unterstützung und Vermeiden von Abbrüchen

Tisch 6 Ausbildung unter schwierigen Bedingungen – Unterstützung und Vermeiden von Abbrüchen mit Michael Röder, VNB Nordwest e.V. und Stephan Kreftsiek (Hier ein Thesenpapier und erstes Protokoll dieser Tischgruppe)

Tisch 7 Kooperationen mit Arbeitgebern zur Integration in Ausbildung/Beschäftigung (Praxisbeispiele) mit Carl J. Escher, Caritasverband für die Stadt und den Landkreis OS und Dr. Barbara Weiser, Caritasverband für die Diözese OS (Hier ein erster Bericht aus dieser Gruppe)

Tisch 8 Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt mit dem Schwerpunkt Reha-Bedarf mit Kaja Schellenberg, Tessa Träger und Magdalena Demir (FBSH) (Hier ein Vorbereitungspapier zu dieser Tischrunde 8)

Tisch 9 Mehrfachbenachteiligung geflüchteter Frauen auf dem Arbeitsmarkt mit Peyman Javaher-Haghighi (kargah) und Leyla Ercan (FRN)

Die Pressemitteilung zu dieser Fachtagung finden Sie hier.