Gründung einer Arbeitsgruppe „Reha-Bedarf

Teil des Fachtages zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen am 07.02.2019 in Hannover war eine Tischrunde zum Thema Reha-Bedarf bei Geflüchteten. In dieser Tischrunde wurde insbesondere die Problematik der Un-Sichtbarkeit von Behinderung bei Geflüchteten angesprochen. Ein erstes Treffen der Arbeitsgruppe ist nun in Planung. Kontakt s.u.

SBG IX – Definition von Behinderung in §2 Abs. 1: (…) wenn körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. (…) Damit können auch Menschen, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, eine Behinderung nach dieser sozialrechtlichen Definition haben. (Aus: B. Weiser: Sozialleistungen für Menschen mit Behinderung im Kontext von Migration und Flucht)

Eine große Anzahl der FairBleib-Teilnehmer*innen fällt unter die obige Definition. Reha-Förderung erhalten aber nur Einzelne. Es gibt zwar diverse Reha-Instrumente zur Förderung der Arbeitsmarkt-Integration von Behinderten, diese werden aber kaum für Geflüchtete genutzt.

Selbst wenn Geflüchtete sichtbar behindert sind – etwa taub, blind oder gehbehindert -, fällt der Zugang zu Förderungen der Teilhabe schwer. Dem Klientel – und meistens auch den Unterstützern*innen – fehlen Informationen über Förder-Möglichkeiten und Zugangs-Wege. Hinzu kommen komplexe Antragsverfahren, die von den Betroffenen alleine nicht zu bewältigen sind. Fachkräfte der Teilhabe-Beratungen hingegen haben Geflüchtete meist nicht im Blick oder keinen Kontakt zu ihnen. In den Herkunftsländern ist Behinderung zudem häufig tabuisiert, weswegen beispielsweise Eltern ihre behinderten Kinder zu Hause verstecken und Betroffene sich selbst nicht als „behindert“ outen.

Die allermeisten Behinderungen unter Geflüchteten sind zudem ohnehin unsichtbar: Traumatisierung, seelisch-psychische Behinderung oder geistige/mentale Behinderung werden meisten erst erkannt, wenn man die Person näher kennenlernt. Die Instrumente um Behinderung zu diagnostizieren werden oft nicht angewandt. Testverfahren zur Diagnostik von Behinderung – z.B. das Berufspsychologische Testverfahren der Bundesagentur für Arbeit – basieren auf der deutschen Sprache und scheitern deshalb in ihrer Einstufung von Geflüchteten meistens. Das Testergebnis wird als mangelhafte deutsche Sprache ausgelegt, Lernbehinderung nicht als solche erkannt. Mangelndes Sprachverständnis und Reha-Bedarf sind schwierig zu differenzieren. Diagnose fällt somit schwer.

Wenn in Sprachkursen Geflüchtete häufig fehlen oder im Kurs-Tempo nicht mitkommen, wird ohnehin eher selten nachgefragt was der Grund dafür ist. Lernbehinderung fällt noch am ehesten in Schulen auf. Auch dort wird aber vor allem in Grundschulen ein Diagnose-Verfahren eingeleitet. Heranwachsende oder Erwachsene Geflüchtete haben wenig Chancen als behindert identifiziert zu werden und sprechen es von sich aus fast nie an.

Viele Unterstützer*innen gehen zudem davon aus, dass Förderungen für Geflüchtete ohnehin nicht möglich seien. Tatsächlich stehen besonders die Instrumente zur Ausbildungsförderung der BA in Abhängigkeit von Aufenthaltsstatus und „Bleibeperspektive“ (also Herkunftsland). Dies betrifft aber keineswegs alle Fördermöglichkeiten. Unwissenheit gepaart mit aufwendigen Anträgen führt dazu, dass Förder-Instrumente nur für sehr wenige Geflüchtete angewendet werden.

2018 ist das neue Bundes-Teilhabe-Gesetz in Kraft getreten. „Menschen mit Behinderung sollen in ihrem Leben mehr selbst bestimmen können. Und sie sollen besser am Arbeits-Leben teilhaben können. Dafür bekommen sie bessere Unterstützung. Jede Person mit Behinderung bekommt mit dem neuen Gesetz genau die Unterstützung, die sie wegen ihrer Behinderung braucht.“ (Quelle: www.bmas.de # Einzelheiten zum Bundes-Teilhabe-Gesetz) Für behinderte Geflüchtete gilt dies nur sehr theoretisch, faktisch verändert das Gesetz nichts an der obigen Problematik.

Viele der Schwierigkeiten, die sich in Sprachkursen sowie Ausbildungs- und Arbeitsverhältnissen mit Geflüchteten ergeben, könnten vermieden werden, wenn von Anfang an – entsprechend sensibilisierte und sprachunabhängige – Diagnostik und passende Förderung eingesetzt würde. Einstiegsgelder gäben z.B. Arbeitgeber*innen die Kapazitäten junge behinderte Geflüchtete geduldiger in ihrer Ausbildung zu unterstützen. Vorhandene Förderinstrumente müssten dazu bekannt sein, der Zugang für Geflüchtete erleichtert werden. Wo sie nicht ausreichen, wäre es notwendig Förderung anzupassen und gegebenenfalls zu erweitern.

In der Tischrunde wurde deutlich, dass es derzeit kein Gremium gibt, welches diese Problematik benennt, sie öffentlich macht und Schritte zur Verbesserung unternimmt. Entsprechend wurde die Arbeitsgruppe Reha-Bedarf bei Geflüchteten gegründet.

Einen Monat nach dem Fachtag der IvAF-Verbünde fand am selben Ort der Fachtag „Geflüchtet, behindert, versorgt?“ der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Nds. e.V. (LVG & AFS Nds. e.V.) statt. Hier wurde deutlich, dass eine Vernetzung der Flüchtlings-Unterstützungs-Einrichtungen mit Teilhabe-Beratungs-Organisationen und Behinderten-Verbänden notwendig und hilfreich ist um voreinander zu lernen und sich zu ergänzen. Die Gründung der Arbeitsgruppe wurde vorgestellt und um einige Interessenten*innen erweitert.

Ein erstes Treffen der Arbeitsgruppe ist nun in Planung.

Wenn Sie Interesse an einer Mitarbeit in der AG Reha –Bedarf für Geflüchtete haben, melden Sie sich gerne bei uns. Bitte teilen Sie uns dazu mit ob Sie selbst in diesem Fachbereich tätig sind oder ob es Ihnen um Informationsvermittlung geht. Es wird dazu unterschiedliche Arbeitsrunden geben.

Ansprechpartnerin:

Kaja B. Schellenberg
FairBleib Südniedersachsen-Harz
Institut für angewandte Kulturforschung e.V.
Am Leinekanal 4
37073 Göttingen
Tel.: 0551 – 388 75 05
Mobil: 0152 – 28 90 38 46
Mail: fairbleib.schellenberg@ifak-goettingen.de